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Ein Traum von Rechtsschutzversicherung

Foto Hai

07

Sep 2016

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Ein Traum von Rechtsschutzversicherung

Neulich wachte ich von einem kruden Traum auf. Ich ging in mein Büro und musste feststellen: Nein, leider war das kein Traum! Folgende Geschichte wird neuerdings zur Realität:

Ich gebe es zu, ich übernehme gern Terminsvertretungen. Der Kollege hat die Arbeit mit der Sachverhaltsermittlung und den Schriftsätzen. Das Verhandeln macht sowieso meistens Spaß. Und außerdem lernt man manchmal noch was dazu oder kann den Kollegen mit lokalem Herrschaftswissen aushelfen. Die Kollegen sind nett und dankbar. Deshalb übernehme ich auch gern mal Kinkerlitzchen zum Spartarif von Kollegen, denen die Anreise ins schöne Berlin zu weit ist.

Neuerdings treibt das aber eigenartige Blüten.

Ich erhalte Anrufe von Kollegen aus Kleckersdorf mit der Bitte um Terminsvertretung. Der Streitwert ist gering. Die Sache trivialer „Wald-und-Wiesen-Fall“. Also kein Problem. Ich werde inständig gebeten, mich mit einer Gebührenteilung unterhalb des üblichen Niveaus zufrieden zu geben. Auch ich kenne die verzweifelte Suche nach einem Kollegen für Minifälle vor weit entfernten Gerichten und die Einsicht, dass die Grenze der Wirtschaftlichkeit schon längst hinter dem Horizont liegt. Das Gericht liegt nur einen Schönfelderweitwurf entfernt. So lasse ich mich breitschlagen.

Nach Erhalt der Akte musste ich feststellen, dass die vertretene Partei bei mir um die Ecke wohnte. Der Gegner auch. Die ausgewählte Anwaltskanzlei lag aber gute 5 Autostunden entfernt. Naja, redete ich mir ein, der Anwalt des Vertrauens ist schon mal die beste und einzige Wahl.

Vor dem Termin beim üblichen Händchenhalten mit dem Mandanten entweicht mir dann die Frage: „Wie sind Sie denn auf die Kanzlei der Kollegen gekommen?“ Noch vor ein paar Jahren erhielt ich dann zur Antwort: „Ich habe da mal gewohnt und kannte die noch.“ oder „Da arbeitet eine Freundin von mir.“ Die jetzigen Antworten sind irgendwie gleich. Sie beginnen mit „Meine Rechtsschutzversicherung…“.

Mit einem kurzen Luftholen frage ich ein bisschen weiter: „Wie korrespondieren Sie denn mit dem Kollegen?“ Antwort: „Ich habe ihm die Unterlagen übersandt und dann hat er mir den Schriftsatz entworfen“. Aha! Kein Gespräch? Keine Beratung?

Der Fall war nun klar. Anwaltssuchende Versicherte werden von Ihren Versicherern an die eigenen Vertragsanwälte verwiesen. Sie bekommen sie nie zu Gesicht.

Warum? Ganz einfach! Die außergerichtlichen Gebühren, die diese Kollegen beim Versicherer abrechnen dürfen, liegen unter den üblichen Sätzen. Geklagt wird nur, wenn Risiko oder Kosten – für den Versicherer – gering sind. Es geht also um das schnöde Geld

… und das in Serie.

Mit welchen Folgen? Der Mandant gerät an eine Kanzlei, die im Zweifel zugunsten des Rechtsschutzversicherers berät. Der Versicherer lässt eine Kanzlei am Ende der Welt antreten, obwohl unter diesen Bedingungen die Gebühren für einen Terminsvertreter nicht erstattungsfähig sind. Der Rechtsschutzversicherer wird diese zusätzlichen Kosten auch nicht tragen. Nichts gegen die kollegiale Zusammenarbeit unter Anwälten, aber hier profitiert einzig und allein der Versicherer.

Zwei Anwälte teilen sich also die Kosten, die das RVG für einen Kollegen vorgesehen hat

… und das in Serie.

Was bringt das für den Mandanten?  Na, zunächst sollte man meinen, dass die Rechtsschutzversicherung damit preiswerter bleibt. Ob die Rechnung aufgeht, mag man bezweifeln, wenn sich der Mandant nicht den Anwalt aussucht, der für seinen Fall das Beste herausholen kann, weil er eine entsprechende Spezialisierung aufweist oder einfach in einem umfangreichen Gespräch alle Fakten und Risiken abklopft.  Eigentlich ist das selbstverständliche Arbeitsweise des Anwaltes vor Ort

… und zwar in Serie.

Ich muss mich also damit abfinden. Ich bin wach und sehe zu, wie uns die Rechtsschutzversicherer die Beratungskompetenz abkaufen. Verdammt, bisher war es lustig, wenn ein Mandant anrief, sein Versicherungsvertreter hätte ihm eine Rechtsauskunft erteilt. Meist war das Stammtischwissen schnell gerade gerückt

… aber jetzt … in Serie?

Wenn ich mir ausmale, wo das hingeht, könnte ich langsam heulen. Doch es ist noch nicht zu spät. Stärken wir die praktizierende Anwaltschaft. Verschaffen wir uns Gehör in der Kammer und bei den Gesetzgebungsverfahren. Unsere Kammern sind eine Macht und können was bewegen. Die Berliner Kammer ist gegen den Versicherer vorgegangen, der behauptet hat, nun Anwalt des Versicherten zu sein. Erfolgreich! Nun sind wir wieder die Anwälte und wollen es bleiben!

Das geht allerdings nicht, wenn die Kammern mit Versicherungsjuristen besetzt sind, die den Anwaltsberuf nicht verstanden haben. Geht zur Wahl und nehmt Eure Kollegen mit!

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